Kata: hilfreiches Werkzeug und Begrenzung

Kata: hilfreiches Werkzeug und Begrenzung

Auf der Straße

Für mehrere Jahre habe ich in Städten gelebt, die mit öffentlichem Nahverkehrsnetz ausgestattet waren. Das Auto war somit stets zweitrangig, bis wir umgezogen sind… nach Ardèche !

Das Département Ardèche ist eines der wenigen französischen Départements, welches keinen Bahnhof hat und unter keiner Autobahn leidet. Die Landschaft ist vielfältig, aber im wesentlichen hügelig bis bergig. Die Straßen sind somit größtenteils eine Aneinanderreihung von Serpentinen.

Ein Teil der Strecke, die ich jede Woche mehrfach fahre, um zum Dojo in Valence zu kommen, ist sehr steil. Es hat einige Monate gedauert, ehe ich von meinem Schneckentempo loskam. Zuerst dachte ich, die Verbesserung käme daher, dass ich die Strecke inzwischen gut kenne, bis ich gemerkt habe, dass sich mein Fahrverhalten auch auf anderen Strecken verbessert hatte…Während ich also dachte, dass ich eine Abfolge von Kurven lerne (eine Form), habe ich tatsächlich an den Prinzipien des Fahrens (dem Kern) gearbeitet…

Kata leben

Es scheint mir, dass Kata nach dem selben Prinzip funktionieren: man wird nicht besser in einer Kata, weil man sie besser kennt, man wird besser weil sie uns dazu bringt, uns auf eine bestimmte Art und Weise zu bewegen und die Prinzipien der Bewegungen zu entwickeln.

Das Ziel ist nicht, die Kata bis ins letzte Detail zu kennen, zu wissen wohin der Fuß und wohin der kleine Finger gehört, sondern sie zu leben. Es geht darum, sich von der Erfahrung, die sie uns bietet durchfluten zu lassen, seinen Körper handeln zu lassen, auf eine “natürliche” Weise, aber gemäß bestimmten Prinzipien.

Es geht nicht darum zu versuchen, seine Bewegungen willentlich zu kontrollieren (das führt nur zu Verkrampfung), sondern eher sich handeln zu lassen, indem man einer Intention folgt, die aus dem Inneren kommt.

Wenn eine Kata gut ausgeführt wird, vergisst der Zuschauer, ebenso wie der Partner, dass es sich um eine Choreographie handelt, um ein schon geschriebenes Stück. Und paradoxerweise erscheinen die Bewegungen präziser, wenn sie weniger “kontrolliert” sind.

Pierre Simon und Claire Seika trainieren Toda-Ha Buko Ryu

Katageiko1 im Aikido

Das Interessante am Katageiko im Aikido ist, dass wenn der Angriff und die Technik bekannt sind, die Formen freier sind als in den meisten Koryus2. Das sollte uns eigentlich erlauben, die Bewegungen besser zu leben und weniger zu “mentalisieren”.

Unglücklicherweise, haben wir aber selbst bei den einfachsten Bewegungen die Tendenz mit dem Intellekt zu arbeiten. Indem wir uns fragen wo wir den Fuß oder den kleinen Finger hintun sollten, verpassen wir oftmals die volle Erfahrung, die die Situation uns bietet.

Achtung! Ich sage nichts gegen ein genaues Studieren der Mechanik von Bewegungen! Aber es kann dazu führen, dass wir starr werden und sollte von einem Üben begleitet werden in dem die Bewegungen einfach erfahren werden können.

Die Nutzung eines Übungsrahmens

Kata stützen sich auf ein grundlegendes pädagogisches Prinzip: den Transfer von Kenntnissen. Man studiert eine Situation unter günstigen Rahmenbedingungen A und überträgt die dort erworbenen Fähigkeiten auf eine komplexere Umwelt B. Das funktioniert sehr gut. Außer, man versteht den Zweck nicht… man hat also die Tendenz gut in dem günstigen Rahmen A zu werden, obwohl das Ziel die Realität ist, die Umwelt B. Außerdem kann man, wenn man man die Umwelt B vergisst, abwegige Dinge tun und im Rahmen A damit erfolgreich sein.

Der Gipfel der Absurdität wäre ein Basketballer, der eine Leiter benutzt um seine drei-Punkt-Würfe zu üben und der sich während des Spiels ohne sie in einer hilflosen Lage wiederfindet.

Hmm...

Das mag zum Lächeln anregen, aber in einem geringeren Maße passiert das gleiche oftmals im Aikido. In einem festgelegten Rahmen versucht man so übermäßig eine Technik funktional zu machen, dass sie in der Umgebung, für die man sie eigentlich lernt, nicht mehr ausführbar ist. Das ist das ewige Problem mit festgelegten Rahmen: sie sind notwendig, um etwas im Detail zu üben, bis zu dem Moment wo sie mehr Probleme schaffen, als sie lösen.

Testen

Das einzige Mittel um festzustellen, wie gut unser Üben der Kata ist, ist regelmäßig den Fortschritt, den es uns im Kampf bringt, zu testen. Macht uns das Trainieren von Kata nervös, voreilig, unpräzise und unfähig uns spontan zu bewegen wenn wir kämpfen, dann wird diese Praxis schlecht ausgeführt. Dann muss man das Üben neu bewerten und das verändern, was einen am Fortschritt hindert.

Das ist es wahrscheinlich was einige dazu bringt zu sagen, um gut im Straßenkapf zu werden sollte man auf keinen Fall traditionelle Kampfkünste üben. Davon abgesehen, dass das Üben von Kata seine Zeit braucht bevor es Früchte trägt, macht uns schlecht ausgeführtes Training tatsächlich zu schlechteren Kämpfern, als wenn wir überhaupt nicht geübt hätten.

Die Schwierigkeit liegt also in unserer Fähigkeit einen Rahmen zu schaffen, der weder zu offen noch zu begrenzt ist… Parameter wie Langsamkeit und Ungewissheit müssen hier mit ein wenig Fingerspitzengefühl gehandhabt werden.

Gutes Training und gutes Testen!

 

Originalartikel: Le Kata: outil facilitateur et cadre limitantvon Germain Chamot

Freie Übersetzung von Peter Schenke

 

1 Training von Kata

2 Lit. alte Stilrichtungen, bezieht sich auf alte jap. Kampfkünste

 

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